Holz hacken und Wasser tragen

Über die Selbstkultivierung

Manche glauben oder hoffen, mit der sogenannten Selbstkultivierung oder Erleuchtung erlange man eine Art Supermann Fähigkeiten. Nicht nur, dass man über das Wasser gehen könnte oder andere per Handauflegen heilen kann. Auch soll ein Vollendeter keinen Hunger mehr verspüren oder Durst, unempfindlich sein für körperlichen Schmerz, emotionale Schwankungen, ja überhaupt frei sein von all dem, was einen Menschen ausmacht. 
Das ist ein eitles Wunschdenken und zeigt, wie weit entfernt man von der Kultivierung ist. Denn es zeigt Unzufriedenheit mit dem eigenen Sosein. Dabei ist es das Ziel der Kultivierung, genau das voll und ganz zu erkennen und anzuerkennen. Verspüre ich Hunger, so werde ich ihn stillen genauso wie ich meine Gedanken stille. Habe ich meine Notdurft zu verrichten, dann ziehe ich mich zurück. Genauso werde ich meinen Ärger nicht öffentlich machen. Es ist mein Ärger, was geht das andere an. 

 


Wind und Kälte, Hitze oder Feuchtigkeit kommen von außen und ich schütze mich, damit sie nicht in mich eindringen. Ärger, Trauer, Ängste und Sorgen kommen von innen und ich schütze mich, damit sie nicht nach außen dringen. Den Wind kann ich nicht aufhalten, den Geist kann ich beruhigen. Das ist die Kultivierung des Selbst. 
Wie kann jemand, mit sich selbst unzufrieden, jemals in Frieden leben. 

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose




In den Wudangbergen findet man hin und wieder ein Schild auf dem sie als die Wiege des Taijiquan gepriesen werden. Auch eine Briefmarkenserie der chinesischen Post sagt das und in diesem Video  wird auch die Gewchichte erzählt von Zhang Sanfeng, der die Inneren Kampfkünste begründet haben soll. 
Andererseits rühmt sich das Dorf Chenjiagou, Ursprungsort des Taijiquan zu sein und inzwischen tauchen bisher unbekannte Stile auf, die bisher nur im Geheimen, dafür aber schon über 1000 Jahr oder mehr existieren sollen. Ganz gleich von wo stammend, wird heute niemand mehr das praktizieren, was vor 400, 600 oder 1000 Jahren vom legendären Gründer gemacht wurde. 
Taijiquan ist ein lebendiges System, welches mit und durch jene lebt, die es ausüben und das schließt Veränderung mit ein. Sicher sollen bestimmt Kriterien erfüllt sein, damit es Taijiquan ist und nicht einen andere Kampfkunst oder sogar weder das eine noch das andere. 
Ich habe heute wieder im Mainzer Rosengarten geübt. Der Weinmarkt ist vorbei und meine geliebt Nische kann bespielt werden. Dabei kam mir dieses Thema in den Sinn. Dort stehen verschiedene Rosensorten. Alle sind im Laufe der letzten Jahrzehnte gezüchtet worden, keine ist die originale, ursprüngliche Rose. Welche davon die schönste ist, kann auch die professionellste Jury nicht bestimmen. Das bleibt einem jeden Geschmack überlassen und manchem mag auch eine verwilderte Heckenrose die größte Freude sein.
Orchideen, Tulpen oder gar künstliche Rosen haben in diesem Beitrag nichts zu suchen. Es wäre auch überflüssig, jetzt wieder mit dem Totschlagargument "alles ist Dao" die ganze Diskussion sprengen zu wollen. 
Es kann etwas nur dann Taijiquan sein, wenn es bestimmte Regeln einhält. So wie etwas nur dann Fußball ist, wenn bestimmte Regeln eingehalten werden. Laufen alle mit dem Ball in der Hand rum, ist es kein Fußball mehr, vielleicht Football, Basketball oder Handball. Aber alle fallen unter Ballspiele. das ist eine höhere Kategorie. 
Taijiquan kann in mehrere höhere Kategorien fallen: Kampfkunst, Qigong, Meditation oder Gymnastik (womöglich noch mehr). Diese können wieder unter noch höhere Kategorien fallen wie körperliche Bewegung oder letzten Endes "Leben". Doch darunter fällt alles, was uns hier begegnet, weshalb nicht alles Taijiquan ist und Taijiquan ist auch nicht alles. 
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.